Gesundheitsangebote für Mitarbeitende sind kein Feigenblatt für krankmachende Arbeitsbedingungen

von | Aug 23, 2021 | Psychische Gesundheit im Unternehmen

Unternehmen fordern von ihren Mitarbeitenden zunehmend gesundheitsbewussteres Verhalten, um den Krankenstand zu senken (= Verhaltensprävention).

Interessensvertreter kritisieren die einseitige Ausrichtung auf gesundheitsfördernde Angebote für Mitarbeitenden. Sie pochen stattdessen darauf, die Arbeitsbedingungen stressfreier zu gestaltet (= Verhältnisprävention).

Jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen und wartet, dass der sich bewegt. Wenn das in Ihrem Betrieb Realität ist, dann tut sich in Sachen Gesundheit für die Mitarbeitenden, um die es ja geht, vermutlich sehr wenig!

Wenn Sie als Gesundheitsverantwortlicher, Personaler oder Interessensvertreter bislang nur eine Seite „abonniert“ hatten, dann schauen Sie bitte mal von außen auf die beiden folgenden Praxisfälle und entscheiden Sie bitte am Ende meines Beitrags, ob das noch für Sie passt. 

Zwei Praxisbeispiele aus dem Team-Alltag

Die folgenden Beispiele stammen nicht aus Ihrem Betrieb. Sie können sich also zurücklehnen und mit gesundem Abstand und unvoreingenommen zuschauen.

Praxisfall 1 – Trotz hoher Motivation: Das halbe Team ist krank

Die Vorgesetzte eines 15-köpfigen Teams ist gestresst und aufgeregt. Ihr Team aus ehemals sehr engagierten Mitarbeitenden bröckelt: Der Krankenstand ist hoch und die verbleibenden Mitarbeitenden können die Vertretungen nicht mehr schultern. Der Arbeitsrückstand ist entsprechend sehr hoch.

Im Gespräch mit ihr stellt sich heraus: Die Sachbearbeitung im Team ist sehr komplex, es ist viel Fachwissen dafür nötig, und Verfahrensregeln werden häufig angepasst, so dass sich jeder neben dem laufenden „Geschäft“ auf dem aktuellen Stand halten muss. Zudem müssen alle Sachbearbeiter täglich die Hälfte ihrer kostbaren Arbeitszeit für aufwendige Telefonanfragen mit Kunden zur Verfügung stehen.

Alle, die Geschäftsführung und Führungskräfte, gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass diese Sachbearbeitung trotz vierstündigen Telefonzeiten in den Gesprächspausen problemlos fortgesetzt wird.  

Im Gespräch mit den Mitarbeitenden erfahre ich, wie sehr sie sich bemühen, Rückstände abzubauen und „ihren Tisch frei zu bekommen“. Sie nutzen dafür jede Anruferpause. Doch sie sind wütend: Kaum haben sie sich eingelesen, unterbricht sie das Telefon. Sie verlieren den Faden, müssen neu einsteigen. Irgendwann sind sie genervt und würden am liebsten alles in die Ecke pfeffern.

Praxisfall 2 – Trotz bester Fähigkeiten: Geringe Ergebnisse eines Mitarbeitenden

Wieder ist es ein Vorgesetzter, der mich als Dienstleisterin für Externe Mitarbeiter-Beratung im Haus, anruft. Der Mitarbeiter Martin M. macht dem Vorgesetzten Sorgen. Er ist sehr klug, kennt sich aus und ist bestens gerüstet für diese anspruchsvolle Tätigkeit – nur: Der Mitarbeiter bekommt kaum etwas vom Tisch, und das trotz vieler freiwilliger Überstunden.

Die eingehenden Anträge im 10-köpfigen Team sind komplex und unterliegen engen Terminvorgaben. Um die Mitarbeiter nicht täglich diesem Zeitdruck auszusetzen wurde aufgeteilt und festgelegt: Wer macht an welchen Tagen diese Anträge und wer nicht, denn es ist auch noch weitere anspruchsvolle Sachbearbeitung zu erledigen.  

Im Gespräch mit Martin M. erfahre ich, dass ihm die Arbeit sehr viel Spaß macht. Er liebt es, sein Wissen einzusetzen und in den vielfältigen Anträgen erfolgreich zu kombinieren. Aber kaum hat er einen Antrag bearbeitet, beschleichen ihn Zweifel: „War das richtig so? Habe ich etwas übersehen? Könnte das nicht auch anders ausgelegt werden?“.

Kurzum, Martin M. rollt alles nochmal auf, und das tut er bei jedem einzelnen Vorgang. Seine Sorge ist, es soll auch wirklich richtig sein. Auf keinen Fall darf ein Fehler unterlaufen. Er leidet, wenn er das Gefühl hat, nicht alles in größter Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt erledigt zu haben.

Opfer der Umstände oder Selbstverbrenner?

Was sagen Sie dazu?

Sollten für diese Fällen Angebote für gesundheitsbewußtes Verhalten gemacht werden? Oder sollte stattdessen an stressfreieren Arbeitsbedingungen gearbeitet werden, um die Lage zu entspannen und Druck rauszunehmen?

Meine Antwort ist ein klares: Sowohl als auch!  

In Praxisfall 1 haben wir schwere betriebsbedingte Fehlbelastungen der Mitarbeitenden, die auch genau auf dieser Ebene Betrieb zu korrigieren sind (Verhältnisprävention). Wenn das ausbleibt, stehen Mitarbeitende in der Gefahr, zu Opfern der Umstände zu werden.

Im Praxisfall 2 liegen die Ursachen in der Persönlichkeit des Mitarbeitenden und können auch nur da gelöst werden. Betriebe können hier wirkungsvolle Angebote machen (Verhaltensprävention). Wenn das ausbleibt, stehen Mitarbeitende in der Gefahr, zu sog. Selbstverbrennern zu werden.    

Krankmachende Arbeitsbedingungen

Niemand stellt sich hin und entwirft einen Arbeitsplatz, auf dem jeder Mitarbeitende früher oder später krank würde. Trotzdem gibt es solche Jobs wie wir im Praxisfall 1 gesehen haben.

Arbeitsplätze werden oft nicht entworfen! Arbeitsplätze entstehen, weil Aufgaben zu erledigen sind. Und wenn Aufgaben hinzukommen, dann werden sie verteilt auf die vorhandenen Köpfe. Punkt.

Sachte und fließend steigen die Anforderungen über die Jahre hinweg. Sachte aber stetig steigt der Pegel im persönlichen Fass des Zumutbaren bei den Mitarbeitenden.

Nur so erklärt es sich, dass Mitarbeitende zu „Opfer von Umständen“ werden statt rechtzeitig die Reisleine zu ziehen. Ähnlich der schlechten Luft im Raum: Wer drin sitzt, bemerkt dies kaum.

Wenn dann der letzte kleine Tropfen fällt, z. B. eine kleine Unfreundlichkeit oder eine andere harmlos aussehende Situation geschieht ist Ende: Der Zusammenbruch. Mitarbeitende sitzen mit Heulkrampf am Schreibtisch oder kommen morgens nicht mehr aus dem Bett.

Zurück zu Praxisfall 1: Das halbe Team ist krank

Die anspruchsvolle Sachbearbeitung ist ein hochgeistiger Kraftakt. Er erfordert die Fähigkeit, sich stark zu fokussieren und konzentriert zu bleiben – so lange, bis der Vorgang fertig ist.

Vier Stunden täglich fragmentiert während hochwertiger Denkarbeit zu arbeiten ist ein Verschleiß dieser Fähigkeiten. So vergeht nicht nur die Freude an der Arbeit an sich, sondern genauso schlimm: Die Fähigkeit konzentriert zu arbeiten, wird regelrecht zerstört.

Fragmentiertes Arbeiten, d. h. ständige Unterbrechungen während hoher Denkleistung sind reine Energie-, Zeit- und Konzentrationskiller!

Wer hierzu Näheres erfahren möchte, dem lege ich den Bestseller von Cale Newport ans Herz: „Konzentriert arbeiten. Regeln für eine Welt voller Ablenkungen“.

Ich sprach mit den Vorgesetzten und Gesundheitsverantwortlichen des Hauses. Überall erntete ich die gleiche schnelle Reaktion: „Die Telefonsprechzeiten sind wichtig für unsere Kunden, die müssen sein. Basta“. 

Die Telefonsprechzeiten, dieses „goldene Huhn“, wurden ernster genommen als die Klagen der Mitarbeitenden. Die Offenheit, über ein Modell des „Sowohl-als-auch“ auch nur nachzudenken, war nicht vorhanden. Eine wichtige Chance wurde vertan.

Es war keine Bereitschaft vorhanden, die Einwände und Vorschläge der Mitarbeitenden und der Interessenvertreter gelten zu lassen.

Mitarbeitende in der Überforderungsschleife: Selbstverbrenner

Das andere Extrem sind Menschen, die bei allem, was sie tun, sich zu sehr fordern. Das kann so weit gehen, dass sie zermürbt zwischen Aufgaben und Terminen abgestumpft und energielos hin- und her hetzen, bis nichts mehr geht.

Sich selbst fordern zu können, ist eine wichtige Fähigkeit. Sie kann sich aber auch verselbständigen und wird dann destruktiv.  Dann helfen auch gute Teamorganisation und wohlgemeinte Ratschläge der Führungskraft oder Seminarangebote oft nicht wirklich weiter.

Ein individuelles Beratungsangebot für Mitarbeitende wäre hier die richtige Reaktion.

Zurück zu Praxisfall 2: Geringe Ergebnisse eines Mitarbeitenden   

Im Betrieb von Martin M. gab es dieses Angebot der vertraulichen Mitarbeiterberatung, und er nahm es gerne an. Er fühlte sich erleichtert, über seine belastende Situation zu sprechen. Weiter wollte er sich jedoch nicht einlassen. Er hoffte, die Situation ohne Unterstützung alleine regeln zu können.

Der Vorgesetzte, der monatelang im Gespräch mit dem Mitarbeitenden war und bemüht war ihn zu unterstützen, sah schließlich kein Vorankommen. In der Folge verlor Martin M. diese Stelle und wurde auf eine mit weniger anspruchsvollen Aufgaben versetzt, die nicht seinem Niveau entsprachen, in der Hoffnung, dass er besser zurecht käme.

Angebote, die passen, statt „entweder oder“ in der betrieblichen Gesundheitsförderung: Verhaltens- und Verhältnisprävention

Beide Praxisfälle sind Extremsituationen und kommen vielleicht nicht so oft vor.  

Überlastungssituationen entstehen i. d. Regel aus einem Mix von sowohl ungünstigen Arbeitsbedingungen auf der einen und stressverschärfenden Arbeitsweisen bei Mitarbeitenden auf der anderen Seite mit Ausschlägen auf beiden Seiten. 

Für die betriebliche Praxis der Gesundheitsprävention gilt entsprechend: 

Gesundheitserhaltendes Arbeiten braucht immer beide Seiten:

  1. Gesunderhaltende Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz (Verhältnisprävention)
    UND
  2. Angebote für die Mitarbeitenden zur Stärkung ihrer physischen und psychischen Gesundheit (Verhaltensprävention).

Mein Appell an alle Gesundheitsverantwortlichen und Interessensvertreter, die noch miteinander am Ringen um Maßnahmen in den Unternehmen sind:

Erkennen Sie an, dass Angebote zur Verhaltens- und Maßnahmen der Verhältnisprävention keine Alternativen sind, sondern erst gemeinsam ihre Wirkung entfalten.   

Angebote für Mitarbeitende, ihre physische und psychische Gesundheit zu verbessern sind in der heutigen Zeit ein unverzichtbarer Teil der betrieblichen Gesundheitsförderung!

Gesundheitsbewußtes Verhalten von Mitarbeitenden entbindet kein Unternehmen davon, mit Scheinwerfern nach überfordernden Arbeitsbedingungen Ausschau zu halten. Seien Sie offen dafür und stellen Sie sich nicht unter den Druck, sofort Lösungen parat zu haben. Das ist erst der nächste Schritt.

Holen Sie alle betrieblichen Akteure in Sachen Gesundheit an einen Tisch, beenden Sie den Streit des Entweder-oder und vereinbaren Sie, womit Sie starten wollen. Viel Erfolg dabei.

Wenn Sie Fragen zu dem nächsten Schritt für Ihren Betrieb haben, dann buchen Sie gerne ein Orientierungsgespräch. Dieser Termin ist kostenfrei für Sie!  

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Heute viel Freude im Job

Ihre Karin Vittinghoff

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