Diagnose Burnout – Was der Arzt damit meint und warum professionelle Beratung sinnvoll ist

von | Okt 12, 2020 | Stress-Symptome reduzieren

Wenn Sie die Diagnose Burnout bekommen haben, hatten Sie vielleicht einen Gedanken wie „ein Beinbruch wäre mir lieber“. Knochenbrüche lassen sich bei anderen besser „verkaufen“, Sie würden obendrein noch bedauert oder zumindest nicht komisch angeguckt. Außerdem bräuchten Sie dann nur den Anweisungen des Arztes folgen und sich weiter nicht um Ihre Genesung kümmern.

Ganz anders bei Burnout! Hier können Sie die Heilung nicht an den Arzt delegieren, denn er kann Sie nicht gesund machen. Burnout hat etwas mit den eigenen Lebensumständen zu tun. Deshalb löst die Diagnose oft erst einmal einen Schock und Ratlosigkeit bei Betroffenen aus.

Verständlich, dass der erste Schritt zur Heilung zugleich der schwerste ist: Die Diagnose anzunehmen und verstehen zu lernen, dass man selbst gefordert ist, um gesund zu werden.

Burnout ist eine unbequeme Diagnose – Wie sieht das die Schulmedizin?

Auch für den Arzt ist Burnout eine Herausforderung. Es geht schon damit los, dass er keine Röntgenbilder oder sonstigen „eindeutigen Beweise“ für seine Diagnose heranziehen kann.

Betroffene leiden oft unter körperlichen Symptomen, wie z. B. Herzrasen, Herzschmerzen oder Energiemangel. Sind aber alle Untersuchungen gemacht und ist trotz der körperlichen Beschwerden organisch alles okay, sucht der Arzt die Antworten im Gespräch.

Er fragt dann z. B. nach den Lebensumständen und vor allem nach Stressfaktoren, nach der Stimmung und dem Energiepegel seines Patienten und leitet seine Diagnose daraus ab.

Für die Schulmedizin ist Burnout keine Krankheit.
Burnout wird als Risiko gewertet, psychisch zu erkranken.

Die neue Definition der WHO von Burnout lautet ab Januar 2022:

„Burnout wird als ein Syndrom verstanden, das als Folge chronischen arbeitsplatzbezogenen Stresses auftritt, der nicht erfolgreich bewältigt wurde. Es wird durch drei Dimensionen gekennzeichnet:

  • Gefühle von Energieverlust oder Erschöpfung;
  • erhöhte innere Distanz zum eigenen Job oder jobbezogene Gefühle von Negativismus oder Zynismus; und
  • verminderte berufliche Leistungsfähigkeit.

Zitat:  Internationale Diagnoseschlüssel für psychische Erkrankungen (ICD11) ab 2022

Burnout steht dann im Abschnitt „Sonstige Faktoren, die die Gesundheit beeinträchtigen“ und wird im fortgeschrittenen Stadium oft zusammen mit der Hauptdiagnose Depression diagnostiziert. 

Wenn Sie betroffen sind und sich krank fühlen, kann das sehr unbefriedigend für Sie sein

Eine Krankschreibung können Sie oft erst nach erheblichem Fortschreiten Ihrer tiefgreifenden Erschöpfung erwarten. Etwa wenn Sie mit der Zeit unbemerkt einen Tunnelblick entwickeln und überall unlösbare Probleme ohne Ausweg sehen, was Ihre Stimmung in tiefste Keller treibt, wo sie – im Dunkeln hockend – nicht mehr raus will. Früher nannte man das sinnigerweise: Erschöpfungsdepression.

Ab 2022 wird Burnout neu definiert – Was bringt Ihnen das, wenn Sie betroffen sind?

Die neue Definition sagt

1. Der Stress am Arbeitsplatz ist die Ursache.
2. Ihre fehlende Fähigkeit, diesen Stress gut „wegzustecken“, löst Burnout aus.

Der Finger zeigt also auf Sie und scheint zu sagen: Arbeite an Deiner Stressresistenz!

Wie reagieren Sie auf die Idee, den Stress am Arbeitsplatz zu verringern? Ich vermute mal mit der Gegenfrage „Wie denn?“ oder mit „Kann ich doch nicht!“ und Achselzucken. Dicht gefolgt von der Grundsatzfrage

 „Muss ich dann meinen Job wechseln, um gesund zu werden?“

Diese Frage ist verständlich, führt jedoch nur in die Verzweiflung. Denn, falls das überhaupt eine Frage für Sie werden sollte, fest steht: Sie kommt viel zu früh, wenn man gerade im Burnout steckt. Erstens fehlt für solche Entscheidung die Energie und zweitens lassen sich vorher andere, kleinere und wirksame Schritte finden, damit Sie erst mal wieder auf die Füße kommen.  

Kreisende Gedanken, verbunden mit Schwarzsehen, sind ein Symptom von Burnout und führen weiter in die Abwärtsspirale. Für Betroffene ist es deshalb extrem schwer, alleine aus diesem Gedankenkarussell auszusteigen.

Warum eine professionelle Beratung jetzt ratsam ist

Burnout ist zwar eine psychische Zusatzdiagnose. Die Auswirkungen von Burnout erleben Sie als eine Form von Energiemangel, der sich auf diese vier wesentlichen Bereiche auswirken kann:

  • Die Leistungskraft, die deutlich bis zum Totalausfall abnimmt.
  • Gedanklich durch Tunnelblick – Probleme erscheinen in Lupenansicht endlos vergrößert – Lösungen werden ausgeblendet.
  • Auf die Stimmung, die sich immer weiter eintrübt, von Sich-nicht-mehr-freuen-können bis dazu, dass einem alles sinnlos vorkommt.
  • Sich zurückziehen, sich von anderen distanzieren, weil „die einen nur ausnutzen wollen“ und man keine Kraft für mehr hat sich abzugrenzen.

Das zeigt bereits, wie schwer es ist, sich in so einer Situation selbst ein guter Berater zu sein. Unter diesen Umständen ist es kaum möglich, die eigenen Lebensumstände konstruktiv zu hinterfragen.

Kleiner Exkurs: Kann ein Antidepressivum helfen?

Bei einer Erschöpfungsdepression verschreibt der Arzt oft ein Antidepressivum, verbunden mit dem Rat: Spannen Sie mal richtig aus und empfiehlt evt. eine Psychotherapie.

Wichtig für Betroffene ist dabei: Ein Antidepressivum heilt das Burnout nicht. Aber es kann erst einmal helfen, die Startbedingungen für erfolgreiche Psychotherapie und Beratung zu schaffen. Das Antidepressivum hat sowohl eine antriebsteigernde wie stimmungsaufhellende Wirkung, so dass es leichter fällt, sich mit den eigenen Arbeits- und Lebensumständen zu befassen.

Auch mit Antidepressiva verlangt das weitere Vorgehen einiges von Ihnen ab, wenn Sie betroffen sind:

  • Erstens die Erfahrung: Der Arzt, Therapeut oder Berater kann Sie nicht gesund machen. Sie selbst werden kleine Veränderungen vornehmen, die Sie gemeinsam besprochen haben und die genau für Sie passen.  
  • Zweitens den Mut aufzubringen, sich einzugestehen: So wie bisher können Sie nicht weiter machen – auch wenn noch nicht klar ist, was das genau heißt.  
  • Drittens die Ungewissheiten zulassen: Dass der Körper sich die Zeit nimmt, die er braucht, sowie nicht zu wissen, wie sich Ihre wochen- oder monatelange Abwesenheit am Arbeitsplatz für Sie auswirken wird.

Das ist eine völlig neue Situation. Denn auch das eigene Bild über sich selbst gerät ins Wanken. Wer sich bis dahin an seiner Leistungskraft orientiert hat, fleißig war und vieles „gestemmt“ hat, findet sich im Burnout in einer ganz neuen Position wieder: Sich kraftlos zu erleben und Hilfe zu brauchen. Diese Erfahrung kann ziemlich schmerzlich sein. 

Der Weg zurück in die eigene Kraft ist gekennzeichnet von Höhen und Tiefen

Genau hier unterstütze ich meine Kunden als psychosoziale Beraterin.

Auf dem Weg zurück in die Energie gibt es Einsichten, neue Erfahrungen und guten Pläne. Ich verstehe mich dabei als Wegbegleiterin und als Anwältin Ihrer erholungsbedürftigen Seite, vor allem wenn neue (Selbst-) Überforderung sich ankündigt.

Der Lohn eines überwundenen Burnout

… ist es, wieder bei sich selber an zu kommen, sich wieder zu spüren und echte Freude zu empfinden.

Diese Botschaft ist es, die mir von Menschen nach einem überstandenem Burnout mit einem Strahlen im Gesicht zum Ausdruck gebracht werden.  

Dieses Strahlen wünsche ich mir auch für Sie.

Ihre

Karin Vittinghoff

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2 Kommentare

  1. Ingrid Brzoska

    Liebe Karin,
    wieder einmal ein wunderbarer Artikel. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass mensch bei Burnout unbedingt professionelle Hilfe benötigt. Das kann ich nur jedem Menschen raten, umso früher, umso besser.
    Herzlichst
    Ingrid

    Antworten
    • Karin Vittinghoff

      Danke liebe Ingrid, genau so ist es, die Erschöpfungskrise lässt sich um so leichter beenden, je früher man gegensteuert.

      Antworten

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